17. März 2016, Jerusalem again…

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(Klobasaköter) Jerusalem. Again. Heute auf dem Tagesplan: Über den „Loser-Checkpoint“ zurück nach Israel, möglichst viel vom klassischen Sightseeing-Programm in Jerusalem abhaken und abends so richtig gut kochen. Dafür sollte es so früh wie nur möglich morgens aus den Federn gehen. Sollte… aber die pennenden Köter konnten sich nicht aufraffen und haben es erstmal ruhig angehen lassen. Nach etwas Pitabrot und Zatar zum Frühstück machten wir uns schließlich per pedes auf zum Checkpoint. Vorbei an der Open-Air-Vernissage von Banksys bekanntesten Streetartstücken. Eine ausgiebige Fotosession später erreichten wir dann auch tatsächlich mal den Checkpoint.

Definitiv ein trister Ort. Vor dem Eingang lungerten gefühlt 50 Taxis herum, wartend auf Menschenmengen, die nicht kommen sollten. Dann ging es eine lange einsame Rampe hinauf zu einem ersten rostigen Drehkreuz. Im nahen Wachhäuschen wartete hinter verdreckten Scheiben ein gelangweilter israelischer Soldat auf das Highlight seines Tages: Das zehnsekündige Starren auf unsere Pässe und eine halbherzige Weiter-Winkbewegung. Anschließend gab er sich wieder seiner Lethargie hin.

Neben uns machte sich lediglich ein älterer Palästinenser mit entsprechender Genehmigung auf den Weg gen Israel. Ansonsten war der ganze Checkpoint-Trakt wie ausgestorben. Aber nicht nur, dass kaum Menschen dort zu sehen waren, es gab auch einfach gar nichts, was überhaupt auf die Existenz von Menschen oder auch nur Soldaten hingewiesen hätte. Nur leere Gänge, Schilder, Absperrungen. Selbst im Niemandsland zwischen den beiden Kontrollen gab es nur einen großen komplett leeren Parkplatz. Und einen beeindruckenden Blick auf die Mauer, wie sie sich bis in weite Ferne in vielen Kurven um die Berge schlängelt.

Wieder zurück im nächsten ausgestorbenen Gebäude gab es dann noch eine weitere desinteressiertere Taschen- und Ausweiskontrolle und schon standen wir vor unserem Bus gen Citycenter. Das war also das Erlebnis Checkpoint. Wenn ich es mit einem Wort beschreiben sollte, dann wäre es wohl Tristesse. Allerdings handelt es sich bei diesem Eindruck natürlich nur um eine Momentaufnahme. Zu den Stoßzeiten abends und früh morgens gelten die Attribute „einsam, trist und ausgestorben“ wohl definitiv nicht mehr.

Mit dem Bus ging es schließlich für eine Eurone weiter in die Innenstadt von Jerusalem. Dort stand zunächst eine Wanderung oben entlang der Stadtmauer auf dem Programm. Für 4 Euro auch durchaus bezahlbar. Die hervorragend erhaltende Stadtmauer wurde übrigens im 16. Jahrhundert in dieser Form erbaut. Der Illusion, dass man gerade auf den Stadtmauern steht, die einst Saladin Einhalt gebieten sollten, darf man sich besser gar nicht erst hingeben.

Die Köter verbrachten schließlich das Gros des Tages auf dieser Mauer, das fantastische Panorama genießend und herausgefordert von einer sich verweigernden Kamera. Und diese Kamera obsiegte.

Nach dem Abstieg von der Mauer ging es direkt zum Lionsgate, aus dem die Via Dolorosa hinaus zum Ölberg führt. Diesen Aufstieg aber behielten wir uns für Ostern vor und folgten dem Passionsweg in umgekehrter Reihenfolge zurück in die Altstadt. Alle wichtigen Punkte und Momente mitnehmend, aber ohne den übertrieben demütigen Gesichtsausdruck, der vornehmlich amerikanischen und russischen Touristen vorbehalten ist, die offenbar selbst viele kleine imaginäre Kreuze auf ihren Rücken durch die Straßen schleppten. Das ist wahre Passion. Nicht selten mit lustigen Pseudokopftüchern verziert, über deren Sinn wir noch bis zur Grabeskirche grübelten. Vielleicht erhoffen sie sich Generalablass?

An der Grabeskirche aber letztlich die wahre Freakshow. Ich möchte wirklich keinen in seinen religiösen Gefühlen verletzten, aber dieses Spektakel ist ohne gehörigen Sarkasmus einfach nicht zu verarbeiten:

Direkt nach Betreten der Kirche stößt der streunende Köter nämlich auf den sogenannten Salbungsstein. Eine feuchte Steinplatte im Boden, vor der meist unzählige Russen und Russinnen knien und Dinge ablegen. Diese Dinge liegen dann ca. zehn Sekunden auf der Platte, bis sie einmal umgedreht werden und nach zehn weiteren Sekunden gegen neue Dinge ausgetauscht werden. Dieses Prozedere lässt sich nun endlos lang wiederholen. Je nachdem wie groß und voll die Plastiktüte ist, die der Gläubige direkt neben sich deponiert hat. Besonders ausgebuffte Salber und Salberinnen postieren darüber hinaus in zweiter Reihe Angehörige, die weitere zu salbende Gegenstände einfach tütenweise nachreichen. Wenn mal halt schon mal da ist…

Wir erfreuten und eine Weile der Show. Dann streunten wir weiter, den Versuch unternehmend, das Grab Jesus zu besichtigen. Doch uns wurde der direkte Einlass verwehrt. Stattdessen galt es sich in eine weitere extrem demütige russische Reisegruppe einzureihen. Das taten wir dann auch ganz artig. Eine Weile. Bis wir beschlossen, dass das eigentliche Grab Jesus ja eh das Gartengrab sei und widmeten uns den anderen Kuriositäten der Kirche. Denn: Die Grabeskirche wird von sage und schreibe sechs christlichen Konfessionen beansprucht, die seit jeher so vor sich hinstreiten, wer wann genau wie viel Zeit mit dem vermeintlichen Grab Jesu verbringen darf.

Deswegen gibt es in der Kirche auch für jede Konfession ganz kleine exklusive Schreine, die sich allerdings als illegal eingenistete Ramschläden tarnen und mit viel goldenem Glitzer versuchen osteuropäische Touristen anzulocken.

Übrigens hat der Streit zwischen den sechs Konfessionen nicht nur eine Renovierung der Grabeskirche bisher verhindert, nein deswegen wurde sogar der Kirchenschlüssel in die Obhut muslimischer Familien übergeben, die jetzt schlichtend jeden Morgen und Abend die Grabeskirche auf- bzw. zuschließen. Ich möchte lachen und weinen zu gleich.

Wir Protestanten haben übrigens keinen Anteil an dieser Freakshow. Es gab einfach keine Ladenfläche mehr in der Kirche…

Nach diesem erleuchtenden Erlebnis wollten wir eigentlich längst zurück auf die Mauer, um die Passage über dem jüdischen Viertel der Altstadt zu erlaufen. Doch wir verpassten den letzten Aufstiegsmoment um einige Stunden.

Joah… Pech.

Als Trost gönnten wir uns schließlich frischen Fisch samt Gewürzen. Es wurde endlich Zeit, den Gourmet raushängen zu lassen und mal so richtig aufwendig zu kochen. Aus Gründen der Zeitersparnis gab es daher den etwas teureren Bus zurück in die West Bank.

Die Haute Cuisine der Köter überzeugte übrigens auch die geladenen Gäste und der Abend klang mehr als entspannt aus… okay der Fisch war großartig. Die Entspannung des Abends wurde allerdings von der Mietwagenfirma sabotiert, die uns doch tatsächlich den falschen Tag reserviert hatte. Also folgten noch ein wenig Unentspanntheit und Hin und Her, bis wir schließlich um Mitternacht alles für die kommenden Tage klar machen konnten. Hoffen wir zumindest.

Und während der Welpe jetzt neben mir leise vor sich hinschnarcht, haue ich jetzt hoffentlich die letzten Sätze in die Tasten. Denn morgen geht es früh raus. Unser neuer Mietwagen will nämlich ausgerechnet in Tel Aviv abgeholt werden. Zu nachtschlafender Zeit. Um 10 Uhr! Gute Nacht.

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