Bnei Sakhnin – Beitar Jerusalem 2:0 (0:0) (19.03.2016, Doha Stadium Sakhnin)

Sakhnin

(Klobasaköter) Groundhoppingtechnisch meinte es der Fußballgott auf diesem Trip irgendwie nur so semigut mit uns. Nicht nur dass Ostern mit einem sinnlosen Länderspielwochenende verschwendet wurde, auch in der Westbank fiel der aktuelle Spieltag aus einem für uns nicht nachvollziehbaren Grund prompt aus. Und dann waren auch noch die von mir präferierten Spiele der ersten israelischen Liga extrem schwer mit unserem Touriprogramm zu kombinieren. Alles irgendwie nervig.

Da wir aber nicht gerade zu der Kategorie Groundhopper gehören, die wegen jeder x-beliebigen Ansetzung auf alles andere verzichten, musste ich also ein paar Kompromisse eingehen und statt Hapoel Tel Aviv auf weniger attraktive Spiele setzen – „weniger attraktiv“ meiner beschränkten Meinung nach.

Eines dieser Spiele war der Gastauftritt von Beitar Jerusalem bei Bnei Sakhnin.

Viel erwartet habe ich von dieser Partie nicht. In meinem Kopf sah ich mich mit dem Schlaf ringend die Spielminuten zählen. Aber alles kam ganz anders.

Wir waren mit ausreichend Zeitpuffer von Akko nach Sakhnin aufgebrochen, um dann allerdings ewig lang im Stau rumzustehen. Erst 20 Minuten vor Anpfiff gelangten wir überhaupt in Stadionnähe.

In der vornehmlich arabisch geprägten Ecke herrschte schon reges Treiben. Gar nicht so einfach, in diesem Wusel als Autofahrer die Nerven zu behalten. Und dann auch noch einen Parkplatz in akzeptabler Nähe zu ergattern. Doch beides gelang wie ein Wunder. Es blieb sogar noch genügend Zeit, sich einen kleinen Snack vor dem Spiel zu gönnen – die Köter waren nämlich total ausgehungert.

Auch um das Stadion war die herrschende Sprache Arabisch. Die Schmierereien der örtlichen Ultras ließen auch darauf schließen: Bnei Sakhnin ist offenbar ein arabischer Verein. Und plötzlich machte die extrem hohe Polizeipräsenz ringsherum Sinn. Sogar Wasserwerfer standen bereit. Die dazugehörigen Soldaten mit Maschinengewehren sind in Israel ja obligatorisch.

Meine Laune verbesserte sich natürlich abrupt. Offenbar hatten wir hier ganz zufällig ein richtig brisantes und emotionales Spielchen erwischt. Der aufmerksame Leser wird sich garantiert erinnern: Beitar Jerusalem, der heutige Gegner, ist quasi der Verein der jüdischen Hartliner. Araber sind für die Anhänger der Schwarz-Gelben quasi ein rotes Tuch. Und andersherum schien der Club aus Jerusalem auch das absolute Hassobjekt der Heimfans.

Von denen jetzt übrigens Massen auf die schmalen Eingänge samt Drehkreuzen einstürmten. Einen kurzen Moment sah es gar so als, als würde der Mob die Eingänge einfach erstürmen.

Wild gestikulierend versuchte ich daher dem Ticketmann klar zu machen, dass wir als Touris ganz sicher NICHT zwischen den wildesten der wilden Fans sitzen wollten – doch er kapierte nichts und zack hatten wir unsere Karten für eben den Eingang, den gerade noch unzählige Rote niederreißen wollten.

Seufzend machten wir uns also an das Erlebnis Eingangskontrollen und als der Welpe so gerade durch das Drehkreuz huschte, wurde ich auch schon von einem uniformierten Arm aus der Schlange gezogen. „What do you want here?“ – zwei Bewaffnete mit schlechtem Englisch und fetten Knarren schauten mich finster an. „Watching Football“ – „Why are you here?“ – „Watching football.“ Schnell drehte sich das Gespräch im Kreis und die Soldaten mussten erstmal die Basis anfunken. Ich durfte noch eine ganze Weile immer die gleichen Fragen beantworten, samt Ausweiskontrolle, während der Welpe mich mitleidig von Innen beobachtete. Die Anweisung, dass ich den Welpen wieder aus dem Stadion herauszuholen habe, wurde sträflich ignoriert. Irgendwann gaben die Soldaten dann zum Glück auf und erlaubten mir ebenfalls den Eintritt. Nicht ohne den Hinweis: „Watch your Bag.“ Natürlich, so unter Arabern besteht ja immer akute Gefahr.

Und tatsächlich ernteten wir dann auch ein paar fragende Blicke, als wir zwischen den Sakhnin-Fans auf der Hintertortribüne Platz nahmen.

Die Stimmung im Spiel dann über 90 Minuten wundervoll emotional. Ein Glückstreffer. Gästefans waren zwar nicht dabei, ich wette mal, sie waren aus Gründen der „Friedenswahrung“ schlicht nicht erlaubt, aber die Heimfans gaben wirklich alles, um ihre Jungs gegen den Club aus Jerusalem nach vorne zu peitschen. Und tatsächlich, die Heimmannschaft erkämpfte sich nach und nach die Oberhoheit. Jerusalem präsentierte sich esprit- und letztlich auch mittellos.

In der Zwischenzeit hab ich dann auch mal nachgelesen und festgestellt, dass Sakhnin einer von nur drei arabischen Clubs ist, die es je ins Oberhaus des israelischen Fußballs geschafft haben. In der jetzigen Liga sind sie derzeit sogar den einzige arabische Club.

Entsprechen aufgeheizt war das Spiel natürlich. In vielen Ecken prangte die palästinensische Flagge und die Jerusalemspieler mussten sich bei jeder Ballberührung gellende Pfeifkonzerte gefallen lassen. Als der Keeper schließlich wiederholt mit Klopapierrollen beworfen wurde, begann noch eine sinnlose Opfershow und das Spiel wurde mehrfach für längere Momente gestoppt. Das böse, böse Klopapier. Gähnend dachte ich an so manch ein osteuropäisches Derby, wo Keeper mit so ganz anderen Dingen beworfen wurden. Ohne so ein Gewese zu machen.

In der Halbzeit wurden wir dann von den Locals angesprochen. Wie immer kamen wir als Deutsche sofort gut an. In diesem Fall stellte sich heraus, dass einer der Typen wie der Welpe in München an der LMU studiert. Zufälle gibt es.

Nachdem die Gastgeber schon in Hälfte 1 viele gute Gelegenheiten haben liegen gelassen, netzten sie circa 25 Minuten vor Schluss endlich und völlig verdient ein. Das ganze Doha Stadium rastete kollektiv aus. Auch uns hielt es nicht auf den Sitzen.

Ein Fehler, denn schon schwebte die Security-Drohne genau über uns. Offenbar irritiert von den beiden deutschen Touris. So irritiert, dass sie noch mehrfach zu uns rüber kam und rein zufällig genau über unseren Köpfen rumschwirrte.

Können wir uns also schon mal auf Folgendes einstellen: Special Treatment bei der Ausreise? Komplettes Gepäck auspacken, Leibesvisitationen, Ausreisestempel mit der Nummer 6 (höchstes Level der Sicherheitsgefahr) und gar Wiedereinreiseverbot für die nächsten vier Jahre? Der Welpe lacht darüber nur müde. Alles kalter Kaffee, alles schon erlebt. Und der Köter kann es jetzt eh nicht mehr ändern…

Nach der Führung hieß es nur noch durchhalten. Denn Beitar warf jetzt alles nach vorne. Auf den Sitzplätzen saß bald kaum noch einer. Wenige Minuten vor dem Abpfiff – wegen der Klopapiernummer gab es eine unendliche Nachspielzeit – zappelte der Ball dann schließlich nach einem sauberen Konter zum 2:0 im Netz. Jetzt gab es kein Halten mehr für Roten.

Von unserem Platz aus konnten wir derweil gut beobachten, wie vor dem Stadion die Polizei ihre Einheiten zusammenzog. Nicht wenige Fans, gerade die mit kleinen Kindern, verließen noch vor Abpfiff das Stadion. Aus Sorge vor Ausschreitungen.

Nach dem Abpfiff bewunderten wir noch eine Weile die Feierlichkeiten, sammelten uns, erbärmlich und arm wie wir Köter so sind, ein paar noch fast volle und sträflich liegengelassene Sonnenblumenkerntüten zusammen und machten uns schließlich auf die Suche nach unserem Auto. Dafür galt es sich einen Weg mitten durch die Feierlichkeiten zu bahnen, die sich nun vom Stadion auf die Straße bewegt hatten. Dabei knallten Böller, laute Musik überall, palästinensische Fahnen, vermummte Jugendliche beim Auto- und Mofakorso und Sakhniner, die immerzu fragten, wie uns die Stimmung gefällt.

Gefährlich fühlte sich das alles übrigens nicht an. Nur mal so am Rande.

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