23.03.2016, Guns’n’Moses oder Yad Vashem und Tent of Nations

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(Klobasaköter/Klobasawelpe) Der Mittwoch startete etwas ruhiger als die Vortage und unser Wecker dröhnte uns erst um neun Uhr aus den Federn. (Anmerkung vom Welpen: Für den faulen Köter mag das stimmen. Ich habe mich schon um 8 Uhr aus dem warmen Bettchen gequält, um mit der Haushälterin und der Köchin zu frühstücken, bevor alle Bewohner des House of Hope in die Ferien gehen. Den Köter musste ich später aus dem Bett schmeißen.)

Zum Frühstück gab es frisches Pitabrot und Zatar in Öl. Die Köter lieben das. Anschließend ging es in den Bus nach Jerusalem. Mit dem Ziel „Yad Vashem“, Israels bedeutendste Holocaust-Gedenkstätte. Auf Deutsch bedeutet Yad Vashem übrigens so viel wie „Denkmal und Name“, abgeleitet vom Bibelvers: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ (JES 56,5)

Die Gedenkstätte gehört zu den Top-Adressen für Touristen. Deswegen hat der Köter auch drauf bestanden, mindestens einen Vormittag für die imposante Anlage aufzuwenden.

Wie immer war die Checkpoint-Überquerung auch dieses Mal wieder schnell und unkompliziert.

Keine Anzeichen von Schikane, allen Horrormärchen zum Trotze.

Dass an den Straßenrändern von Jerusalem allerdings allgegenwärtig Militärs patrouillieren und randomly Araber rausziehen, um sie nach Sprengstoffgürteln und Waffen abzutasten, gehört auch für uns langsam zum Alltag. Natürlich hat es einen faden Beigeschmack. Es ist aber so leicht hinzunehmen, wenn es einen selbst nicht betrifft. Und zugegeben, in Anbetracht der letzten Anschlagsserien gaukelt es einem ja auch ein sehr verführerisches Gefühl von Sicherheit vor. Auch wir Köter sind nicht immun.

Vom Jaffa-Gate ging es dieses Mal per Tram hinauf auf den Mount Herzl, um dort mindestens zehn Minuten auf einen Shuttleservice zum Gelände zu warten. Warum ich diese zehn Minuten explizit erwähne?

Weil die anschließende Fahrt dann knapp 30 Sekunden in Anspruch nahm und nein, das Shuttle raste nicht mit Warp 9 zu neuen Sternen…

Mein erster Gedanke ganz klar: Das Museum muss voranging für fußfaule US-Bürger konzipiert worden sein. Gleich steigen wir sicher in einen neuen Bus und werden mit Kaltgetränken und voll klimatisiert von Schautafel zu Schautafel chauffiert – kein Witz, alles schon erlebt. Doch auch die Amerikaner in unserem Shuttle zeigten sich verwundert über diesen kuriosen Transfer. Und damit bleibt unser Shuttle-Erlebnis wohl ein Mysterium.

Dann ging es auch schon hinein in die Ausstellung. Übrigens kostenneutral. So lobe ich mir das doch.

Und hier meine Two Cents zum Museum: Natürlich ist es darauf ausgelegt zu emotionalisieren, was ich bei diesem Thema aber für absolut legitim erachte. Denn die Generation Selfies vor dem “Arbeit macht frei“-Torbogen, ebenso wie die Personengruppe Ich-glaube-an-die-zionistische-Weltverschwörung-bin-aber-kein-Antisemit und natürlich die gerade Oberwasser bekommenden Ich-will-wieder-stolz-statt-schuldig-sein-Vertreter erreicht man doch nur noch so. Die müssen sich wohl immer und immer wieder anhand von menschlichen Schicksalen vor Augen führen, wo simple Schuldzuweisungen und vereinfachte, sprich auf Sündenböcken fußende Welterklärungsstrategien hinführen. Als Deutsche sollten wir da sogar besonders sensibel sein, weil wir doch wissen, wie schmal manchmal der Grat zwischen Gut und Böse sein kann und wie schnell eigentlich nette Menschen schreckliche Dinge tun. Aus Verblendung und Hass. Wenn ich aber an die gegenwärtige Stimmung in Deutschland so denke… Da macht sich die Dummheit gerade wieder auf unseren Straßen breit. Und genau dort fing es damals auch an. Mit braunen Schlägertrupps. Nur mal so am Rande.

Die Informationen, die das Museum gibt, sind natürlich auf Menschen aus Allerwelt ausrichtet. Sprich Personen, die eher wenig Hintergrundwissen zum Aufstieg Hitlers, dem Dritten Reich und auch dem Holocaust mitbringen. Für uns Köter also ein Besuch mit überschaubarem Wissensgewinn.

Trotzdem konnte die Ausstellung überzeugen. Vor allem natürlich die clevere Verknüpfung mit greifbaren Schicksalen – Oral History dezent, extrem wirksam, sprich gelungen eingesetzt. Dazu muss außerdem die äußerst differenzierte Aufarbeitung herausgehoben werden.

Und bewegend ist das Thema ja eh. Zumindest, wenn man halbwegs Mensch geblieben ist.

Interessant übrigens, dass neben uns noch eine Gruppe junger, sichtlich bewegter israelischer Soldaten unterwegs war. Guide und Soldaten sprachen untereinander perfektes Englisch. Ganz offensichtlich also eine Gruppe junger ausländischer Juden, die sich freiwillig für den Militärdienst in Israel entschieden hatten. Keine Seltenheit hier, denn die israelische Staatsbürgerschaft steht jedem Juden offen und noch immer kommen Menschen aus allen Ecken der Welt, um in Israel ein neues Leben zu beginnen.Wie zum Beispiel das nette russische Paar in Akko, das uns zurück in die Oldcity geführt hatte. Auch unter den besonders radialen Siedlern finden sich nicht selten Neuankömmlinge, aber dazu an anderer Stelle mehr.

Wer sich in diesem Museum übrigens so gar nicht finden lasst, sind Araber. Zumindest nicht, soweit sich das erkennen lässt. Sehr schade. Ich kann einfach nicht anders, als an all die „Mein Kampf“-Ausgaben denken, die mich noch gestern an diverses Ecken der West Bank angestiert hatten. Hass ist eben keine Einbahnstraße.

(Anmerkung des Welpen:Ich erwähne hier mal nicht, dass die meisten Araber überhaupt nicht in der Lage sind, überhaupt nach Yad Vashem zu kommen. Schließlich braucht man dazu die, schon oft erwähnte, Genehmigung. Aber der Köter hat leider nicht ganz Unrecht. Ich war schon zweimal vorher in Yad Vashem und beide Male habe ich von den Arabern nur zweifelnde Blicke geerntet. Warum ich denn da hinwolle? Die Juden nutzen den Holocaust doch nur, um ihre Grausamkeiten in Palästina zu rechtfertigen. Das ist ganz schön seltsam. Gerade als Deutscher/e weiß man nicht, wie man auf sowas reagieren soll. Auf israelischer Seite ist der Hass und gerade der Rassismus natürlich ganz groß. Das heißt aber nicht, dass es das auf arabischer Seite nicht genauso gibt. Antisemitismus begegnet dir in der Westbank auf jeden Fall häufiger.)

Der Besuch in YadVashem dauerte bis zum frühen Nachmittag. Meine Annahme, in ein bis zwei Stunden locker durchzukommen, entpuppte sich als way too optimistic. Ich hätte noch sehr viel länger bleiben können. Gerade der Part zu den jüdischen Partisanen in Osteuropa ging für mich nämlich über das Common Knowledge hinaus und weckte Interesse.

Aber wir hatten am Nachmittag ja noch einen weiteren Termin und mussten so an den letzten Stationen etwas hetzten. Das zweite Museum im Komplex, eine Kunstausstellung zum Thema Holocaust, blieb also leider auf der Strecke.

Zurück ging es wieder mit der Tram. Dabei gönnten wir uns einen raschen Stop beim Jaffastreet Food Market. Einkaufen für unser Dinner heute Abend. Da wir ja in Nazareth großartige Gewürze zu günstigen Preisen erstanden haben, galt es, jetzt etwas draus zu zaubern. Unsere Wahl fiel auf ein Hähnchen. Dazu Salat, Auberginen, Bohnen, Reis und frische Oliven. Rosmarin pflückten wir uns einfach selbst an der Mauer Richtung Damaskustor. Einem großartigen Abendessen stand also nichts mehr im Wege.

Fix ging es dann zurück mit dem Bus in die West Bank. Auf der Tour durfte ich an der Bushaltestelle Richtung Gilo (Settlement) auch den ersten israelische Siedler in Natura bewundern. Mit Kippa und Knarre über der Schulter. Getreu dem Motto Guns’n’Moses. Unglaublich. Noch unglaublicher, die Siedler dürfen die Dinger auch tatsächlich benutzen.

Grundsätzlich herrscht in Israel eine für uns Europäer ungewohnte und verstörende Affinität zu Waffen.

Um den Kreis zum Yad Vashem an dieser Stelle zu schließen: Nach all den Erfahrungen, die dieses Volk in seiner Geschichte gemacht hat, ist das vielleicht auch nicht ganz unverständlich. Keiner will für immer das Opfer sein. Die Bereitschaft sich zu wehren und sich zu behaupten ist in Israel allgegenwärtig.

Irgendwie habe ich damit jetzt auch meine Überleitung zum zweiten Tagespunkt: Das sogenannten Tent of Nations.

Zusammen mit einem kanadischen Pärchen, dass ebenso wie wir im House of Hope Unterschlupf gefunden hat, ging es dieses Mal per Auto über ruckelige Bergstraßen mit furchteinflößenden Steigungen hinauf zum „Hippiezentrum“. Anders kann man den Look des Ortes nicht beschreiben. Ein paar kleine Gebäude, die eigentlich nicht erlaubt sind, ein paar Höhlen, und viele bunte Bilder, Olivenbäume, Salbei an jeder Ecke, Feuerstellen und Reste von Zelten, die teils von eigenmächtig handelnden Siedlern, teils von der Regierung niedergerissen wurden.

Das Tent of Nations ist genau genommen ein Berg. Umringt von diversen jüdischen Settlements, die seit Jahren immer dichter und größer um diesen Berg herumwachsen. Der Berg aber befindet sich schon seit Ewigkeiten im Besitz einer palästinensischen Familie, die sich seit Jahren erbittert weigert, den Israelis ihren Berg zu übergeben. Die aber wollen natürlich ihre diversen Siedlungen ringsherum mittels des Berges endlich zusammenzuführen.

Hier berührt unsere Reise nun also das im Westjordanland extrem brisante und recht zentrale Problem der Enteignung.

Ganze Dorfgemeinschaften hat es dabei schon getroffen. Problem hierbei ist nämlich, dass viele Familien keine Papiere für ihr seit Generationen weiter vererbtes Land haben (osmanische Tradition ist es nämlich, dass Ländereien einer Dorfgemeinschaft statt Einzelpersonen gehören. Papiere waren nie üblich). Die Familie Nasser, die Besitzer des Tent of Nations, aber sind eine glückliche (?) Ausnahme, denn sie besitzen tatsächlich eben solche Besitzurkunden. Osmanische, britische und sogar moderne Papiere. Seit 20 Jahren kämpfen sie jetzt schon vor einem israelischen Gericht um ihr Land.

Ein Kampf, der quasi aussichtslos scheint, denn der Staat hat ihnen in der Zwischenzeit längst das Wasser abgeschnitten, den Strom, einfach alles. Selbst das Auffangen von Regenwasser ist verboten. Übrigens nicht nur am Tent of Nations. Jedem Palästinenser ist es verboten, Solaranlagen zu bauen oder eine Zisterne zu graben. Wasser muss für teures Geld von Israel gekauft werden. Genauso wie der Strom. Gut sichtbar an den Wassertanks auf den Dächern palästinensischer Häuser. In Siedlungen und auf der anderen Seite der Mauer gibt es das nicht.

Wie absurd die ganze Lage im Israel/Palästina-Konflikt ist, wurde uns zu etwas Tee und bei herrlichem Panoramablick (bis nach Tel Aviv) ausführlich geschildert. Wir hören von der Familie Nasser, die mit immer wechselnden Freiwilligen auf dem Land ausharrt und es bewirtschaftet. Genau genommen zum Ausharren und bewirtschaften gezwungen wird. Denn hier macht sich Israel dann doch mal ein altes osmanisches Gesetz aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts (!) zu Nutzen, das besagt, die Regierung dürfe Land beschlagnahmen, sobald der Besitzer nicht in der Lage sei, es zu bewirtschaften. Viele Familien verlieren so gerade zur Zeit der Oliven- oder Mandelernte ihr Land, da sie durch Ausgangssperren und geschlossene Checkpoints davon abgehalten werden, ihre Besitztümer auf der richtigen Seite der Mauer zu bewirtschaften. Prompt werden sie enteignet und das Land gehört der Regierung. Aus der Familie Nasser muss also immer jemand auf dem Berg sitzen. Sofern sie ihre Ansprüche wahren wollen.

Besonders bemerkenswert ist übrigens die rapide Geschwindigkeit, mit der die Siedlungen rund um den Berg wachsen. In knapp 15 Jahren ist nur eine von den anrainenden Siedlerstädten von null auf 45.000 Einwohner angewachsen. Utopische Zahlen. Allein in den drei Jahren, seitdem der Welpe zum letzten Mal an diesem Ort war, ist gar eine ganz neue Siedlung dazugekommen.

Aber es ist eben attraktiv dort zu leben. Die Häuser sind neu, modern, beste Infrastruktur, Bewachung, mit Steuervergünstigungen und Pool. Ach ja, und natürlich ohne Wasserknappheit.

Es gibt in der West Bank sogar Straßen, die nur für Israelis benutzbar sind – sogenannte Apartheit Roads. Da unser Fahrer Sami selbst Palästinenser ist, mussten auch wir den Weg zum Tent of Nations über unwegsame Ruckelpisten antreten. Die Regierung erlaubt den Palästinensern übrigens nicht, diese Straßen eigenmächtig instand zu setzen. Und an einem offiziellen Ausbau haben sie natürlich gar kein Interesse.

Wir haben eine ganze Weile auf dem Berg verbracht, uns fast als Volunteers zur Mandelernte einspannen lassen und den Geschichten über das Leben in Palästina gelauscht. Dabei konnten wir noch etwas Salbei für das Abendessen pflücken und das Bergpanorama im Sonnenuntergang genießen. Nur ein kleines, dunkles, arabisches Dorf, neben etlichen, alles auch an Licht überstrahlenden Siedlungen. Das natürlich stilecht garniert mit dem Kläffen der echten streunenden Köter um uns herum…

Auf dem Rückweg passierten wir gerade ein kleines arabisches Dorf, als in einer der Siedlungen Feuerwerke zum Purimfest* losgingen. Ein paar Kinder standen mit ihren abgeranzten Fahrrädern am Straßenrand und beobachteten das Schauspiel aus der Dunkelheit heraus. So wie wir.

*Eine Art Karneval mit religiösem Hintergrund. Bei dem Fest erinnern sich die Juden an die Errettung vor der Vernichtung durch den persischen Statthalter Haman unter Xerxes, dessen Frau Esther von den Plänen erfuhr und ihn hinrichten ließ. Am Ende des Festes werden in Erinnerung daran kleine Haman-Puppen verbrannt oder gehängt.

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