24.03.2016, Familienbesuch in Hebron

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(Klobasaköter/Klobasawelpe) Ein weiterer abenteuerlicher Tag geht zu Ende. Dabei begann alles sehr entspannt. Endlich konnten die Köter mal wieder ausschlafen. Erst nach elf verlassen wir das Bett und setzen uns an den Frühstückstisch. Während wir uns den Salat von gestern, Hummus, Zatar und Brot schmecken lassen, spielen wir eine Runde Backgammon. Leider gewinnt der Köter. Aber nur knapp.

Um eins wollen wir eigentlich losfahren, um die Familien von Kindern aus dem House of Hope zu besuchen. In diesem Fall Asma und Aia. Beides Mädchen, beste Freundinnen und beide leiden unter dem Downsyndrom. Mädchen, die ich während meiner Volunteerzeit im House of Hope schon betreut hatte und natürlich unbedingt wiedersehen wollte.

Nach etlichen Verwirrungen ist es inzwischen zwei Uhr, bis wir dann doch mal losfahren. Bis alle ihre vergessenen Gegenstände geholt und die Toilette aufgesucht haben, sogar Viertel nach. Aber was soll’s.

Wir verlassen Bethlehem in Richtung Süden und landen auf der 60. Es dauert nicht lange und es tauchen die ersten jüdischen Siedlungen auf. Gut zu erkennen an den sauberen Straßen, den roten Dächern und den fehlenden Wassertanks. Die Zugangswege zu den Siedlungen sind abgeriegelt, sprich bestens bewacht.

Nach einigen Minuten schon kommen wir zum ersten Highlight der heutigen Tour. Einem Kreisverkehr.

Eigentlich eher langweilig, ja klar. Aber das ist ein Kreisverkehr in der Westbank. Noch dazu ein Kreisverkehr, der Straßen zu den palästinensischen Dörfern und den umlegenden Siedlungen miteinander verbindet. Ein Brennpunkt. Sami, unser Fahrer, warnt uns schon vor. Er sagt, einer der gefährlichsten Orte in der West Bank. Manchmal stehen hier Siedler und schießen. Und es tauchen random Checkpoints auf. Stimmt das wirklich?
Auf uns wird jedenfalls nicht geschossen, aber an allen Straßenecken und auf dem Kreisverkehr stehen Schießscharten aus Mauern und Sandsäcken, dazu Soldaten in voller Montur und teils mit schwerem MG im Anschlag.

Überall ringsherum israelische Fahnen. Selbst einige Mauerstücke sind in blau und weiß angemalt. Irgendwie befremdlich…

Wir kommen an einem Dorf vorbei, das nur durch eine einzige Straße erreichbar ist. Diese Straße ist mit Felsblöcken und Mauerstücken versperrt.

Man ist fast ein bisschen erleichtert, als wir diese Strecke hinter uns gelassen haben und in das erste Dorf einfahren.

Nach einigen Telefonaten erzählt uns Sami davon, dass heute früh zwei junge Palästinenser in Hebron von Soldaten erschossen worden seien. Der Ort, zu dem wir gerade unterwegs sind. Oha.

Über die Hintergründe erzählt Sami allerdings nichts, ob er es nicht will oder wirklich nicht weiß? Es bleibt Spekulation. Wohl aber verwendet er den Begriff Märtyrer. Das ist wieder so ein befremdlicher Moment. Wenige Sekunden später aber hebt sich die Stimmung wieder. Ein Telefonat, das unsere Ankunft ankündigt und schon werden wir euphorisch von der ersten Familie begrüßt. Und zwar in einem ganz typischen palästinensischen Haus von einer ganz typischen muslimisch-palästinensischen Familie.

Wir nehmen auf den niedrigen Sofas in so einer Art vorgelagerten Wohnzimmer für Gäste Platz und erleben einen recht ausgelassenen und fröhlichen Nachmittag. Wir sind bei Asma zu Gast. Ein Mädchen aus dem House of Hope, einer christlichen Einrichtung für gehandicapte Kinder.

Entzückt von unserem Eintreffen bemühen sich Mutter, älterer Bruder und die Schwestern in der Küche (wir haben sie nur kurz gesehen, aber all das Essen und den Tee haben sicher nicht die Hauselfen bereitet), uns ein berührend gastfreundliches Erlebnis zu schaffen.

Die ganz kleinen Jungs scheinen als einzige weniger interessiert an unserem Besuch. Spielen auf dem Handy ist eben überall auf der Welt so viel aufregender als Erwachsene beim Quatschen.

Dafür ist Asmas Mutter umso begeisterter. Sie erzählt viel, lächelt uns immer wieder an und zeigt uns Fotoalben mit den Hochzeitsphotos ihrer Tochter. Geposte Fotos in verschiedenen Brautkleidern. Weiß, beige und Tracht. Einerseits etwas übertrieben, andererseits irgendwie süß. Und das Brautpaar sieht wirklich sehr sympathisch aus.

Die Bilder werden natürlich gebührend bewundert und prompt werde ich genötigt, eine traditionell palästinensische Tracht anzuprobieren. Ein langes handbesticktes Kleid mit Gürtel und Kopfschmuck. (Anmerkung des Köters: Sorry, habe den Welpen in der West Bank verheiratet. Jetzt muss er nicht mehr streunen)

Irgendwann müssen wir aber gehen. Schließlich können wir die Gastfreundschaft der Familie nicht ewig beanspruchen und außerdem müssen wir ja noch Aias Familie besuchen.

Aber das will vor allem die Mutter nicht hören. Warum wir denn nicht zum Abendessen bleiben können?

Es gibt ein langes Hin und Her auf Arabisch, von dem niemand wirklich etwas versteht und am Ende sagen wir zwar ausdrücklich „nein“, aber die Familie schaufelt trotzdem massenweise Reis und Hühnchen auf ein Extratablett und deckt es mit Alufolie ab. Wir können so viel protestieren wie wir wollen, es landet in unserem Kofferraum und fährt ab sofort mit. Den Rest der Fahrt duftet es verführerisch nach gutem Essen.

Der nächste Familienbesuch führt unsere illustre Reisegruppe in eine sehr viel ungewohntere Umgebung: Ein palästinensisches Flüchtlingslager. Ein Ort, an den ich ohne einheimische Begleitung wohl eher nicht alleine gehen würde. Als Sami auch nur wenige Minuten in einem Supermarkt verschwindet, werden wir sofort von aufdringlichen Kindern belagert. Wirklich alle gaffen.

An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, kurz etwas über Flüchtlingslager in Palästina zu erzählen. Beim Begriff „Flüchtlingslager“ denkt man im ersten Moment an Zelte und improvisierte Lager. Die Flüchtlingslager in Palästina existieren aber bereits seit den späten Vierzigern. Im Unabhängigkeitskrieg von Israel wurden die Palästinenser aus ihren Häusern vertrieben. Aber auch hier wird wieder ein falsches Bild geweckt. Die Familien flohen nicht vor Krieg oder Zerstörung. Sie wurden „umgesiedelt“. In die Lager. Den Familien wurde damals gesagt, dass sie die Häuser nur für eine Weile verlassen sollten. Viele durften nur einen kleinen Koffer mitnehmen. Die Häuser und das Eigentum sahen sie nie wieder. Noch heute gehört der Grund, auf dem die Lager erbaut sind, der UN. Viele Familien haben immer noch die Schlüssel zu Häusern, die gar nicht mehr existieren. Die niedergerissen wurden. Der Schlüssel ist zum Symbol der „Home-Demolition“ und der Vertreibung geworden und man kann ihn inzwischen sogar als Anhänger im Souvenirladen kaufen.

Grundsätzlich darf auch mal am Rande erwähnt werden, dass die Palästinenser ihre Situation und den Konflikt sehr gut medial verwertet, die eigene Legendenbildung perfektioniert und auch kommerziell durchaus auszunutzen wissen.

Auch bei Aia werden wir von einer extrem herzlichen Familie empfangen. Eine ganz besondere Erfahrung. Allerdings auch in anderer Hinsicht: Denn schon als wir den kleinen Vorraum für die Gäste entern, entdeckt der Köter sofort eine kleine schwarze Fahne* an der Wand. So eine, wie sie gemeinhin von Dschihadisten verwendet wird. Schwarz mit dem Glaubensbekenntnis in weiß. Irgendwie ein komisches Gefühl. Aber auch in dieser Familie empfängt uns nichts als Herzlichkeit. Und auch etwas aufgestaute Wut. Auf Arabisch unterhalten sich erst Sami und die Mutter, später Sami und der Vater – ein offensichtlich sehr gläubiger Muslim, der uns pünktlich zum Gebet in der Moschee wieder verlässt – sehr angeregt. Anhand von Mimik und Körperspannung ist klar, es ist ein sehr intensives Gespräch. Wahrscheinlich Politik? Immer mal wieder stoppt Sami, um uns ein paar Hintergrundinfos über die Situation vor Ort zu geben. Wobei natürlich klar ist, dass viele dieser Infos doch recht subjektiv sind. Aus der Sicht von Aias Familie und Sami nämlich haben die israelischen Soldaten heute vollkommen willkürlich, aus purer Lust an der Freude zwei 21-jährige palästinensische Jungen erschossen. Lediglich die sofortige Bezeichnung der beiden Jungs als Märtyrer und auch die Erwähnung, dass die israelischen Siedler mit Messerattacken auf Palästinenser angefangen und sie damit keine primär palästinensische Erfindung seien, deuten kurz an, dass es sicher mehr Hintergrund zu dem Ereignis gibt, als sie uns verraten wollen. Erst einen Tag später zeigt ein Blick ins Netz, dass diese Skepsis unsererseits wohl berechtigt war.

Interessante Anmerkung ist hierbei, dass auch die Infos im Netz weit auseinander gingen. Viele Nachrichtenportale berichteten nur vom Tod zweier Palästinenser. Mehrere israelische Portale allerdings nur vom Angriff eines Messerstechers auf israelische Soldaten. Von Toten war hier überhaupt nicht die Rede. Nach langem Vergleichen mehrerer Zeitungen, kann ich mir ungefähr herleiten, was passiert sein könnte:

Über die Purimfeiertage wurde ein großer Teil der Westbank komplett abgeriegelt. Niemand darf hinein und niemand hinaus. Da diese Aktion nicht angekündigt war, gab es trotzdem viele Palästinenser, die an den Checkpoints zurückgewiesen wurden. Ein einundzwanzigjähriger Junge ging an einem Checkpoint in Hebron auf einen Soldaten los, der verletzt wurde. Bei den Schüssen, die darauf fielen, wurde sowohl der junge Mann, als auch ein zweiter Palästinenser, der dabei stand getötet. Eine Siedlerzeitung berichtet, dass der zweite Junge ein Komplize war. Da aber die meisten anderen Portale von einem Unbeteiligten reden oder sich darüber ausschweigen, weiß man natürlich nicht, was man davon halten soll.

Dieses kurze Erlebnis zeigt wohl auch, wie schwierig es hier ist, ein halbwegs differenziertes und objektives Bild zu bekommen.

Für uns gibt es an diesem Nachmittag zum zweiten Mal Tee, Kaffee und Gebäck. Die Familie ist wie die erste sehr sehr gastfreundlich. Was allerdings auch typisch für arabische Familien ist. Gastfreundschaft ist eigentlich typisch für den Islam, aber selbst bei christlich-palästinensischen Familien findet man diese Gastfreundschaft.

Wahrlich, die Almosen sind nur für die Armen und Bedürftigen und für die mit der Verwaltung (der Almosen) Beauftragten und für die, deren Herzen gewonnen werden sollen, für die (Befreiung von) Sklaven und für die Schuldner, für die Sache Allahs und für den Sohn des Weges; (dies ist) eine Vorschrift von Allah. Und Allah ist Allwissend, Allweise.“ (Sure 9,60)

Sicherlich noch spannend war, neben der Erwähnung der Dschihadistenfahne, dass trotz der offensichtlich sehr religiösen Ausrichtung der Familie eine der Töchter sich bei unserem Besuch ganz klar geweigert hat, ihr Kopftuch anzulegen. Ihre Eltern haben das hingenommen. Auch die anderen Töchter durften am Abend noch unterwegs, um ihre Freunde zu treffen – wenn auch mit Kopftuch. Sami erklärt schnell, dass das wiederum ein sehr liberaler Zug der Familie sei. Mit dem abendlichen Gebetsruf verlässt uns schließlich der Familienvater, der sehr engagiert mit Sami diskutiert hat. Zwischendurch warf er seiner Downsyndrom-Tochter immer wieder sehr liebe und verständnisvolle Blicke zu. Wir vier Ausländer konnten nur danebensitzen, unseren Kaffee schlürfen – den zumindest ich und der Welpe als bekennende Nicht-Kaffeetrinker aber auch irgendwie nicht ablehnen konnten – und interpretierten, worum es wohl wann im Gespräch ging. Als Sami dann irgendwann andeutet, es sei Zeit aufzubrechen, fragen wir noch einmal wegen der Flagge nach. Die liebevolle Mutter von Aia holt uns das Flägchen daraufhin von der Lampe und erklärt uns glücklich, dass es sich bei dem Ausspruch um einen Wortlaut aus dem Koran handle. Samir will das Thema dann aber nicht vertiefen, sondern endlich los. Sein Blick verrät aber, dass er sehr wohl eine Ahnung hat, um was für eine Art Flagge es sich da handelt.

Der Rückweg wird dann ganz unerwartet zu einem Erlebnis. Denn wegen der Ereignisse am Vormittag hat die israelische Armee offenbar eine der zwei Zufahrtsstraßen zum Flüchtlingslager geschlossen. Da die Kanadierin in unserer Reisegruppe ihren Pass im Guesthouse vergessen hat also keine gute Idee, sein Glück in eben dieser Richtung zu suchen.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als das Einreihen im Stau hinter all den anderen Fahrzeugen, die sich der israelischen Kontrolle entziehen wollen. Immerhin gibt es so ausgiebig Zeit, das Flüchtlingsviertel, sein Treiben, seine Armut, aber auch seine offenkundige Politisierung auf uns wirken zu lassen. Anders als z.B. rund um das House of Hope in Bethlehem ist wirklich jede Häuserwand voll mit politischen Schmierereien. Vieles davon Stencils mit einschlägigen Aufforderungen zur Gewalt. Auch unsere schwarze Fahne taucht auf etlichen Plakaten am Straßenrand wieder auf. Irgendwie unheimlich. Zumal die Zahl der IS-Sympathisanten in der West Bank zuletzt klar steigend ist. Wenn man so nachliest…

Es dauert eine ganze Weile, bis wir das Lager wieder verlassen können. Der Stau nimmt kein Ende. Dann aber geht es recht schnell und bald schon ist von den politischen Botschaften kaum noch etwas erkennbar. Bis wir auch in Bethlehem auf dem Weg zum Supermarkt noch einmal das dortige Lager durchqueren. Dort das gleiche Bild. Die gleichen Symbole und Stencils, die gleiche spürbare Politisierung. In einer offenen Garage, die mit diversen politischen Plakaten verziert ist, sitzen in einem großen Stuhlkreis aus den überall bekannten weißen Gartenstühlen eine Reihe Männer in einer Diskussionsrunde und wettern. Würde mich wundern, wenn das der ansässige Lesekreis ist.

Letztlich aber passieren wir auch dieses Lager. Vorbei am Arab Fried Chicken (das muss ich einfach erwähnen) und Stars und Bucks, dem lokalen Kaffeehausfranchise in schwarz-grün-weiß, und schon stehen wir wieder vor dem House of Hope. Mit unserem Tablett traditioneller arabischer Küche. Lange aber sollte es das auch nicht mehr geben. Wir hatten Hunger.

*Zurück zur schwarzen Flagge, denn etwas präziser soll dieser Artikel natürlich schon sein:

Das schwarze Banner geht auf die im sunnitischen Glauben verankerte Vorstellung zurück, dass der Mahdi (Rechtgeleiteter) aus der Familie Mohammeds am Tag des jüngsten Gerichts auf die Erde herabsteigt, um den Islam in gereinigter Form wieder herzustellen. Bei seiner Ankunft sollen schwarze Fahnen wehen.

In dieser Tradition wurden schon früher schwarze Fahnen in militärischen Operationen verwendet. Unter den modernen Dschihadisten haben wohl die Taliban in Afghanistan den Anfang mit der schwarzen Flagge gemacht. Diverse andere dschihadistische Gruppen verwenden die Flagge seither in abgewandelter Form.

Die von uns vorgefundene Version ziert lediglich das islamisches Glaubensbekenntnis, die „Schahada“ in weißer Schrift, die da lautet: „Es gibt keinen Gott, außer Allah. Mohammed ist sein Prophet.“

Zu Taliban-Hochzeiten wurde die Flagge unter dem Namen al-raya bekannt. Ihr farblich invertiertes Gegenstück heißt al-liwa. Die weiße Flagge gilt angeblich als Flagge des Kalifats und die schwarze als die des Dschihad.

Zumindest ist das alles, was wir über die Flaggen grob zu wissen glauben. Sollte jemand darüber aber mehr wissen oder aber einfach nur präzisere Infos haben: Gern her damit.

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