25.03.2016, Die lange Passion des Köters

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(Klobasaköter/Klobasawelpe) Karfreitag in Jerusalem. Wenn das nicht Freakshow Nummero 3 verspricht. Also Kamera in die Hand und ab auf die Via Dolorosa. Ein paar Wahnsinnige mit Kreuzen beim Schleppen beobachten – aber hey, jeder nur ein Kreuz! – und wieder zurück in die Westbank, das Herodium und das orthodoxe Kloster Mar Saba besichtigen. Ein echt genialer Plan. Könnte von mir sein – war er auch. Und natürlich, es kam alles ganz anders:

Erste Anzeichen einer raschen Kehrtwendung aller Osterplanungen sendete mir mein Magen eigentlich schon am frühen Morgen, aber ich wusste sie noch gekonnt zu ignorieren. Ich lasse mich nämlich nur ungern von etwas abbringen, das ich mir in den Kopf gesetzt habe.

Aber erstmal zurück zur Geschichte: In Jerusalem sollte eigentlich schon seit neun oder so prozessiert werden. Behauptete irgendeiner, der irgendwen kennt. Also streunten die Köter erstmal eine Ewigkeit durch die Altstadt und suchten die Prozession. Überall Soldaten, überall Absperrungen, keine Prozession. Kann doch nicht sein. An einer Ecke dann endlich ein paar Touris mit riesigem Holzkreuz. Nein, das was nicht akzeptabel. Wir wollten mehr. Also wanderten wir aus purer Verzweiflung gen Grabeskirche. Uns beschlich bereits eine gewisse Angst, dieses wundervolle Ereignis gar verpasst zu haben. Nun ja, die Köter hatten es nämlich irgendwie geschafft, die israelische Zeitumstellung von Gründonnerstag auf Karfreitag zu verchecken und zu dieser Zeit am Vormittag wussten wir noch immer nicht so ganz genau, wie spät es denn jetzt wirklich war. Aber mal im Ernst, so fix kann doch nun keine Leidensgemeinschaft über die Via Dolorosa huschen? Mit Kreuzen und an fast jeder Ecke betend? Ich meine, fast überall hier scheint Jesus mal gefallen, umgeknickt oder wen Bekannten getroffen zu haben, da kann man doch nicht so durchhetzen, schon gar nicht mit einem schweren Holzkreuz auf dem Rücken? Unsere Suche wurde jäh beendet von einer Absperrung. Soldaten hatten den letzten Zugang zur Kirche abgeriegelt. An sich ja nicht verkehrt, dachten wir, in fröhlicher Naherwartung des Prozessionszuges. Und wir standen an der Absperrung in aller vorderster Front. Jackpot. Aber keine Prozession. Es passierte einfach nichts. Nein, falsch, das Karfreitagsläuten der Grabeskirche veränderte gleich zweimal ihren Rhythmus. Und bald schon standen Scharen hinter uns. Unruhige Scharen, die dringlichst in die Messe wollte. In der Grabeskirche, genau deren Zugang ja abgesperrt war. Der Mob wurde wilder. Irgendwann gaben auch die israelischen Soldaten nach und wir durften auf die Kampfbahn. Die Köter machten einen verwirrten Schritt zur Seite, um den eifernden Christen ihre Stampede zu lassen und bewunderten viele Wahnsinnige, die sich noch irgendwie in die längst rammelvolle Kirche quetschten.

Wir verzichteten dankend und suchten weiter nach der Prozession. Irgendwo im Getuschel der Touris hinter uns fiel etliche Male 11:30 Uhr als tatsächlicher Beginn der Prozession. Auf dem Rückweg zum Damaskustor beschlossen wir schließlich, genau dort an einem Gitter stehen zu bleiben, wo sich direkt gegenüber vom Austrian Hospice ein paar Kameras positioniert hatten. Außerdem machten die Soldaten auch hier gerade Anstalten, einen Teil des Weges abzusperren.

Und siehe da, dieses Mal hatten die Köter endlich den richtigen Riecher! Nur wenige Minuten später schritten – unter den Tränen der asiatischen Reporterin neben uns – andächtige Franziskanermönche mit großen Lautsprechern an uns vorbei. Gefolgt von unzähligen Gläubigen mit Kreuzen. Kleinen und großen Kreuzen. Denn jeder Teilnehmer hatte ein kleines und seine Gruppe ein gemeinsames großes Kreuz. Die einzelnen Gruppen ließen sich übrigens perfekt an ihren Reisegruppen-Schirmmützchen unterscheiden. Offenbar gab es für jede Reisegruppe aber immer genau ein Riesenkreuz, das abwechselnd getragen werden durfte. Nach Ostern ist übrigens noch die Taufe im Jordan Teil des Pauschalangebots „The Christian Experience“.

Über die Lautsprecher dröhnte auf Italienisch, dann auf Englisch: „Das ist der Ort, an dem Jesus das erste Mal fiel.“ Lautes Raunen. Dann Beten. Anschließend Singen. Und schon zog der Tross weiter. Immer hinter dem Tonband her. „Hier hat Jesus das erste Mal geschwitzt. Hier fiel seiner erster Schweißtropfen. Halleluja. Auf den grauen Stein. Inmitten von grauen Steinen.“ Eine russische Frau bettet sicher gerade diverse Souvenirs auf diesem kleinen Steinchen und lässt sie segnen. Ihr Mann steht hinter ihr und reicht Nachschub an, sollten ihr die Gegenstände ausgehen. In der Ferne verklingt indes leise das Tonband. „Hier hatte Jesus den ersten Splitter im Finger.“ Die Gläubigen singen. Und die Köter? Haben genug und machen sich zufrieden auf zum Busbahnhof. Nichtsahnend, dass Gott zumindest einem Köter für seine freveligen Texte gerade einen ganz üblen Magen und Darm-Virus geschickt hatte.

Als ihm im Bus dann aber ganz anders wurde und er dachte, ohnmächtig zu werden, war es klar, an diesem Karfreitag in Jerusalem würde auch die lange Passion des Köters beginnen. Und ihr werdet es nicht glauben, an Ostern ist der Köter wieder von den Toten auferstanden. Und hat Pommes gegessen.

Auf jeden Fall wurde mir innerhalb von wenigen Minuten so schlecht, dass ich nur noch am Rande wahrnahm, dass der Checkpoint Richtung Jerusalem abgesperrt worden war. Ich wollte nur noch ins Bett. Dort angekommen lag ich hundeelend rum und lauschte durch das offene Fenster, nicht allzu weit entfernten Lautsprecherstimmen auf Arabisch, Menschenmassen, schlicht Demoklängen. Irgendwann ertönten sogar Schüsse. Aber ich war zu schwach, dem noch viel Bedeutung beizumessen und fiel in einen anhaltenden Leidenszustand, der keinerlei spannende Aktivitäten für das ganze Wochenende zuließ. Ich war schlicht und einfach außer Gefecht. Immerhin hat sich auch das Wetter angepasst und uns das ganze Wochenende nur Regen, Sturm und Kälte geschenkt.

(Klobasawelpe)

Der Köter ist krank. Und der kleine Welpe sitzt neben dem Bett und jault traurig vor sich hin. Mehr gibt es nicht zu erzählen über diesen Freitag. Oder doch? Eine Sache hat der Welpe doch erlebt, die es zu erzählen gilt.

Der Köter liegt krank im Bett und will nichts essen. Von draußen hören wir Feuerwerke. Oder Schüsse? Nein das müssen Feuerwerke sein. Warum sollten hier auch Schüsse fallen? Irgendwann bittet mich der Köter aber doch, ihm etwas Obst zu kaufen. Also macht sich der Welpe alleine auf in Richtung Obstladen.

Kaum bin ich auf der Straße, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Stimmung ist irgendwie drückend und obwohl viele Menschen auf den Straßen herumlungern, ist es still. Aber das liegt wohl am Wetter. Die gelb-graue Wolkendecke am Himmel ist nun mal auch beklemmend.

Als ich um die Ecke biege und die Mauer vor mir sehe, denke ich doch noch einmal nach. Ein umgestürzter Mülleimer liegt auf der Straße und viel Zeug, dass ich noch nicht wirklich erkennen kann. Steine? Tränengasbehälter? Egal. Das Obst geht vor. Doch als ich am Laden ankomme, sind die Gittertüren fest verschlossen und an das wunderbare Obst komme ich nicht. Verdammt. Aber wo ich schon einmal da bin, kann ich auch noch zur Mauer gehen. Typisch Welpe. Immer dahin, wo der Krawall am größten ist.

Niemand ist mehr unterwegs. Das letzte Stück vor der Mauer ist mit Steinen übersät. Oh und es sind wirklich Tränengasbehälter. Langsam kann ich es auch riechen. Es brennt in den Augen und im Mund. Vielleicht ist es Zeit umzukehren…? Und sind das Explosionen, die vom Checkpoint kommen? Oder doch Schüsse?

Weiter kommt der Welpe nicht. Plötzlich sieht er, wie vom Turm etwas geflogen kommt. Es landet nur wenige Meter vor mir und plötzlich sehe ich gar nichts mehr vor lauter Rauch. Irgendjemand schreit etwas auf Hebräisch und ich beschließe, dass es nun wirklich höchste Zeit ist umzukehren.

Zurück im Zimmer erzähle ich dem Köter, warum es kein Obst gibt. Aber kein Problem. Das einzige, was den Köter interessiert, ist, dass ich von einer Rauchbombe getroffen wurde. Er ist ganz schön neidisch! Aber so ticken Köter wohl.

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