30.03.2016 Hebron, Jerusalem, Eilat

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(Klobasawelpe) Dem Köter geht es endlich wieder gut. Gestern habe ich ihm noch Bettruhe verordnet, aber nachdem ihn ein richtiger Lagerkoller überfallen hat, ging das auch nicht mehr. Also beschließen wir nach Hebron zu fahren. Die einzige Stadt in der Westbank, in der es eine Siedlung in der Stadt gibt. Allein das ist Grund hinzufahren. Außerdem findet am Nachmittag das großartige Länderspiel Palästina gegen Osttimor statt.

Der Beginn des Tages verzögert sich allerdings, da der Köter einen kurzen Anfall von Rückfällen hat. Aber um halb drei sitzen wir schließlich im Auto auf dem Weg nach Hebron. Wieder geht es über den dubiosen Siedlerkreisverkehr, aber wieder kommen wir glücklich vorbei.

Für Hebron haben wir leider nicht mehr viel Zeit. Als wir endlich am Souk angekommen sind, bleibt uns etwa eine dreiviertel Stunde, bis wir schon los zum Fußballspiel müssen.

Es bleibt kaum mehr Zeit einmal über den Souk zu streifen. Aber wenigstens einen kurzen Eindruck können wir uns so verschaffen. Der Souk beginnt typisch arabisch. Eigentlich nichts besonderes. Bis wir zu der Siedlung kommen.

Unten Araber, oben jüdische Siedler. Die Rückseite ihrer Häuser können die Araber nicht mehr sehen. Die Ladentüren sind zugelötet, die Straßen gesperrt und nur von Juden begehbar. Ein Video von ‚Breaking the Silence‘ (Eine Organisation israelischer Soldaten, die über ihre Zeit in den besetzten Gebieten aufklärt) zeigt Schmierereien, die an diese ehemaligen Ladentüren geschrieben sind. Von Siedlern. „Araber raus.“ „Tod allen Arabern“, sind hierbei harmlose Sachen. Aber das ist ja okay. Die Araber sehen das ja eh nicht.

Über den Souk ist übrigens ein Gitter angebracht, da es immer wieder mal vorkommt, dass die Siedler, Müll, Steine oder sogar Tüten mit Fäkalien auf die vorbeilaufenden Menschen werfen.

Ein schönes Leben haben die Siedler in Hebron aber auch nicht. Isoliert und gehasst. Da würde ich Tel Aviv oder sogar eine große Siedlung in der Westbank vorziehen. Muss wohl Prinzipsache sein. Wenigstens genießen die Siedler absolute Bewegungsfreiheit und werden vom Militär beschützt, während die Palästinenser die Schuhada Street überhaupt nicht betreten dürfen. Diese Straße wurde übrigens mit Geldern aus den USA saniert. Bemühungen der UN, den Ladenbesitzern monatlich Geld zu zahlen, um ihre Geschäfte weiterzuführen, scheiterten an mangelnder Kundschaft. Kein Wunder.

Wie kommt es zu solch radikalen und auch rassistischen Maßnahmen? Abgesehen davon, dass die Siedler in Hebron selbst unter Israelis als national-religiöse Hardliner gelten und oft selbst vom Militär in Schach gehalten werden müssen. Da fragt man sich doch, warum die überhaupt unterstützt werden.

An dieser Stelle ist es vielleicht interessant, genauer auf die Geschichte Hebrons einzugehen. Aber alles hier aufzuschreiben, würde zu weit führen. Wen es interessiert, muss selbst nachlesen. Trotzdem versuche ich mal die Eckpunkte zusammenzufassen:

Wichtig ist die Stadt, weil hier die Gräber der Erzväter liegen. Gibt man Hebron bei Wikipedia ein, kommt man auf eine lange Seite. Man liest Massaker… Massaker… Massaker…

Massaker 1929: 67 Juden werden von Arabern getötet und mehrere verletzt. Der Rest der 500 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde überlebte übrigens, weil ihre arabischen Nachbarn sie versteckten.

Massaker 1980: Arabische Extremisten bewarfen jüdische Männer, die vom Gebet kamen, mit Granaten. Sechs wurden verletzt.

Massaker 1994: Ja, das ist noch nicht wirklich lange her. Damals gab es die Siedlungen in Hebron schon. Am 25. Februar 1994 erschoss ein extremistischer Siedler mit einem Sturmgewehr 29 betende Muslime in der Abraham-Moschee.

Viele Handlungen der Siedler werden übrigens auch von Israel verurteilt. 2008 gab es üble Ausschreitungen: Nachdem die Siedler palästinensische Bewohner der Stadt angegriffen hatten, „Mohammed ist ein Schwein“ auf eine Moschee geschrieben und Gräber geschändet hatten, räumten israelische Sicherheitskräfte ein besetztes Haus in Hebron. Daraufhin randalierten die rechtsradikalen Siedler, zündeten Autos und Häuser von Palästinensern an und natürlich Olivenbäume.

Die Siedler gelten als die schlimmsten im Westjordanland.

Schon schlimm, wo sich die Köter da rumtreiben.

Viel zu kurz ist unsere Tour und viel zu schnell sitzen wir im Fußballstadion zwischen den Familien, frieren vor uns hin und essen stark gewürzten Mais aus Pappbechern.

Auf dem Rückweg haben wir ein weiteres Siedlererlebnis. Zum Glück viel angenehmer als die Geschichten aus Hebron.

Neben dem schon viel erwähnten Kreisverkehr gibt es einen Supermarkt für Siedler. Und da der Köter schon viel von mir gehört hat, bitten wir Sami uns dorthin zu fahren. Er wirkt sehr nervös und ist sich auch nicht sicher, ob er reingelassen wird. Bei meinem letzten Aufenthalt hier durfte er auch nicht mit rein. Er musste unten am Kreisverkehr warten, während wir (Europäer und Amis, also kein Problem) zu Fuß zum Supermarkt gingen.

Wir werden natürlich auch, dank palästinensischem Kennzeichen, sofort rausgewunken und befragt. Die Pässe werden vorgezeigt, der Kofferraum und das Handschuhfach geöffnet und wir zwei Köter werden befragt. Aber im Anschluss werden wir doch tatsächlich samt palästinensischem Auto und Sami eingelassen.

An sich stellt sich nach den Geschichten, die ich erzählt habe, der Supermarkt als Enttäuschung heraus. Hier trägt zwar fast jeder Mann eine Kippe, die Frauen lange Röcke und jüdische Kopftücher und man hört viel Amerikanisch, aber wir treffen weder die Siedler mit Knarren wie letztes Mal, noch werden wir dumm angemacht. Die Frau an der Kasse ist sogar richtig nett.

Auch das Essen, das wir kaufen, ist eine Enttäuschung. Die Pizza, auf die wir uns so gefreut haben, schmeckt seltsam und das Brot ist weder knusprig noch lecker.

Die Köter sind schwer enttäuscht vom Siedlersupermarkt.

Der nächste Morgen. Wieder kommen die Köter brav früh aus dem Bett und wieder sitzen wir früh im Bus. Zeit für eine Katastrophe, wenn dieser Urlaub halten will, was er verspricht.

Aber noch geht alles gut. Wir kommen gut aus dem Bus, in die Tram bis zum Ticketschalter. Eigentlich ganz gut. Aber da holt uns die Katastrophe ein. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

Der Bus um 10 Uhr ist voll. Der nächste fährt erst um 14:00 Uhr.

Im Nachhinein stellt sich heraus, dass das gar keine so große Katastrophe ist. Wir müssen zwar die vier Stunden irgendwie rumbringen, aber mit Orangensaft, Sandwiches und köstlichen Salaten geht auch das. Außerdem haben wir so Zeit, unsere Reise nach Jordanien nochmal genau zu planen und die Hostels zu buchen. Es stellt sich auch heraus, dass es dümmere Leute gibt als die Köter.

Wir kommen natürlich rechtzeitig am Busbahnhof an und setzten uns an die Bänke vor die Tür zum Abfahrtsteig. Direkt gegenüber von uns zwei Britinnen, die zum Toten Meer wollen. Eigentlich nicht kompliziert. Der Bus, der eine halbe Stunde vor unserem abfährt, fährt genau da hin, wo sie hinwollen und er steht auch schon da. Schließlich wird die Tür geöffnet und der Fahrer schreit etwas auf Hebräisch. Niemand versteht so ganz was er will, aber da alle anderen einsteigen, ist das wohl offensichtlich. Jedenfalls für uns. Da wir noch eine halbe Stunde Zeit haben, beobachten wir, wie die Leute beginnen in den Bus zu steigen.

Die Britinnen nicht. Aber vielleicht haben sie sich umentschieden? Seelenruhig verspeisen sie ihr Picknick.

Erst als die Tür wieder zugeht springt eine von ihnen auf. „Fährt der Bus weg? Ist das der Bus zum Toten Meer?“

Ähm, nein, natürlich nicht. Obwohl da überall groß der Abfahrtsort, das Ziel und die Zeit steht, inklusive vorne am Bus. Ganz zu schweigen davon, dass der Bus schon mindestens eine halbe Stunde hier steht. Nicht, dass es da genug Zeit gegeben hätte, sich seelisch auf das baldige Einsteigen vorzubereiten. Die beiden Mädchen sind verzweifelt und überfordert. Warum sie nicht eingestiegen sind, bleibt vorerst ein Rätsel. Eine von beiden sprintet zur Glaswand und winkt dem abfahrenden Bus halbherzig hinterher. Natürlich dreht er nicht um.

Der Welpe hat Mitleid und spricht die beiden Mädchen auf Englisch an. Ja, sie wollen zum Toten Meer. Der Busfahrer hat wohl gesagt, sie sollen warten. Warum sie nicht trotzdem eingestiegen sind, als die Abfahrtszeit näher rückte und alle anderen einstiegen, erschließt sich mir trotzdem nicht so ganz.

Irgendwann verschwinden die beiden Mädchen. Wahrscheinlich in Richtung Ticketschalter und wir steigen in unseren Bus. Ist ja normalerweise auch kein Problem.

Kurz bevor wir abfahren tauchen die beiden Mädchen wieder auf und diskutieren mit dem Busfahrer, der sie schließlich auch reinlässt. Jetzt, da wir alle glücklich an Bord sind, kann’s ja losgehen. Zum Toten Meer und von dort weiter durch die Wüste nach Eilat am Roten Meer.

Die Landschaft wird immer spektakulärer, aber die Köter verfallen schnell in ihre Reisemüdigkeit und schlafen ein. Nicht einmal die beiden Britinnen sorgen für Unterhaltung, denn sie schaffen es tatsächlich an der richtigen Station auszusteigen. Schade. Wir hatten uns fast schon darauf eingestellt, sie bis nach Eilat zu nehmen, um dann zu hören: „What, this is Eilat? But we wanted to go to the Dead Sea.“ Eigentlich schade.

Nach einem nächtlichen Spaziergang über die Strandpromenade in Eilat – ein bisschen erinnert es mich an Florida, jedenfalls an das Florida, das ich mir so vorstelle – sitzen wir im Hostel in Eilat und sind top-organisiert für unsere Reise nach Jordanien. Also wieder Zeit für die nächste Katastrophe.

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